Prantls Blick – die politische Wochenvorschau Beitrag aus der Süddeutschen Zeitung (07.02.2021) – Warum Verkehrsminister Scheuers Rücktritt fällig ist

Guten Tag,

wann ist der Skan­dal ein Skan­dal? Wann muss ein Minis­ter zurück­tre­ten, und wann darf er blei­ben? Ab wann ist ein Poli­ti­ker ein Ami­go, und wann ist ein Ami­go untrag­bar? War­um kann sich ein Andre­as Scheu­er hal­ten, und war­um muss­ten ande­re Minis­te­rin­nen und Minis­ter aus ver­gleichs­wei­se nich­ti­gem Anlass gehen? Wann führt ein Fehl­tritt zum Rück­tritt? Wo ist die Maß­ein­heit für Feh­ler und Schä­den – und wann füh­ren die zur Ent­las­sung?

Wenn man ein Jurist ist, sucht man nach der Klar­heit, mit der ein gutes Straf­ge­setz­buch sei­ne Tat­be­stän­de for­mu­liert: „Mit Ent­las­sung wird bestraft, wer …”. Ja wer? Wer sei­nen Fri­seur zu Unrecht dienst­lich abrech­net? Wer sei­ne Putz­frau mit Steu­er­gel­dern finan­ziert? Wer auf frem­de Kos­ten Urlaub macht? Wer sei­nen Dienst­wa­gen für pri­va­te Zwe­cke ein­setzt? Wer Bun­des­wehr­flug­zeu­ge für pri­va­te Rei­sen nach Mal­lor­ca nutzt? Wer sich sei­nen Dok­tor­ti­tel durch Pla­gia­te ver­schafft hat? Wer die Öffent­lich­keit über sei­ne per­sön­li­chen Din­ge belügt? Wer sich in den Ver­dacht der Vor­teils­an­nah­me bringt? Wer in ille­ga­le Abhör­ak­ti­vi­tä­ten ver­wi­ckelt ist? Wer für töd­li­che Feh­ler bei der Arbeit der Geheim­diens­te ver­ant­wort­lich ist?

Erin­ne­rungs­lü­cken, Inkom­pe­tenz

Wenn einer als Bun­des­tags­prä­si­dent eine Rede hält, bei der der fal­sche Ein­druck ent­steht, er distan­zie­re sich nicht genü­gend von NS-Gedan­ken­gut – muss er dann wegen rhe­to­ri­scher Inkom­pe­tenz zurück­tre­ten?

Und wenn einer durch fach­li­che Inkom­pe­tenz und poli­ti­sche Gel­tungs­sucht uner­mess­li­chen finan­zi­el­len Scha­den anrich­tet? Wenn er das dann im par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuss zu ver­tu­schen sucht? Das alles wird dem Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter und frü­he­ren CSU-Gene­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er zu Recht vor­ge­wor­fen. Geheim­ge­sprä­che mit Maut-Mana­gern wur­den ohne Pro­to­koll geführt. Mil­lio­nen­kos­ten wur­den trick­reich ver­steckt. Im par­la­men­ta­ri­schen Unter­su­chungs­aus­schuss hat sich Andre­as Scheu­er dann auf Erin­ne­rungs­lü­cken beru­fen. Und wenn es ihm zu kri­tisch wur­de, hat er die Ver­ant­wor­tung auf sei­ne Mit­ar­bei­ter abge­scho­ben.

Man­geln­de Skan­da­li­sie­rungs­kraft

In nor­ma­len Zei­ten wäre so einer, wie man so sagt, in der Luft zer­ris­sen wor­den. Aber in Coro­na-Zei­ten fin­den sol­che Dreis­tig­kei­ten nicht die Behand­lung, die sie sonst erfüh­ren. Unter Coro­na lei­det die not­wen­di­ge Skan­da­li­sie­rungs­kraft der Öffent­lich­keit. In ande­ren Zei­ten wäre es auch kaum denk­bar, dass man der Kanz­le­rin, dem CSU-Chef und dem Koali­ti­ons­part­ner SPD ihre Indo­lenz, ihre Duld­sam­keit, im Umgang mit dem Minis­ter Scheu­er ein­fach so durch­ge­hen lässt.

Der SZ-Kol­le­ge Mar­kus Bal­ser schreibt dazu in sei­nem Kom­men­tar: „Die Indi­zi­en für Geset­zes­ver­stö­ße wie dem Bruch von Haus­halts- und Ver­ga­be­recht durch den Ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er sind längst erdrü­ckend. Der Bun­des­rech­nungs­hof warf Scheu­er das bereits schrift­lich vor (…) Weil Scheu­er Mil­li­ar­den­ver­trä­ge abschloss, ohne Rechts­si­cher­heit zu haben, dro­hen dem Steu­er­zah­ler Scha­den­er­satz­zah­lun­gen von mehr als eine hal­ben Mil­li­ar­de Euro.”

Ein Bier­zelt-Pro­jekt der CSU, in Ber­lin betrie­ben

Drei Spit­zen­ver­tre­ter des Maut-Bie­ter­kon­sor­ti­ums haben im Unter­su­chungs­aus­schuss bestä­tigt, dass es von ihrer Sei­te am 29. Novem­ber 2018 das Ange­bot an den Minis­ter gab, mit der Unter­zeich­nung der Maut­ver­trä­ge bis nach der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs zu war­ten – das hät­te dem Steu­er­zah­ler eini­ge Hun­dert­mil­lio­nen Scha­den­er­satz erspart. Scheu­er lehn­te das strikt ab, er woll­te das Pro­jekt unbe­dingt durch­drü­cken, ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te. War­um? Die Aus­län­der­maut war das Wahl­kampf­pro­jekt der CSU gewe­sen, der dama­li­ge CSU-Vor­sit­zen­de Horst See­hofer, heu­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter, war die trei­ben­de Kraft, der dama­li­ge Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alex­an­der Dob­rindt und der dama­li­ge CSU-Gene­ral­se­kre­tär Andre­as Scheu­er trie­ben hef­tig mit. Es war, so muss man es sagen, ein Bier­zelt-Pro­jekt.

Dob­rindt ist heu­te Lan­des­grup­pen­chef der CSU im Bun­des­tag. Und Scheu­er, Dob­rindts Nach­fol­ger als Ver­kehrs­mi­nis­ter, hat dann den euro­pa­wid­ri­gen Plan final exe­ku­tiert – bis er vom Euro­päi­schen Gerichts­hof been­det wur­de. Söder müss­te daher eigent­lich das gesam­te Spit­zen­per­so­nal der CSU in Ber­lin abzie­hen – See­hofer, Dob­rindt und Scheu­er. Aber im Herbst ist Bun­des­tags­wahl. Söder kann und will nicht tun, was er eigent­lich tun müss­te. In die­sem Fall zeigt sich eine pein­lich-skan­da­lö­se Rück­tritts­ver­ges­sen­heit.

Es gibt auch Rück­tritts­kul­tur

Man darf aber dar­über nicht ver­ges­sen, dass es auch eine Kul­tur des Rück­tritts gibt. Namen wie Hei­ne­mann, Epp­ler und Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger ste­hen für Demis­sio­nen, die Grund zur Bewun­de­rung sind. Gus­tav Hei­ne­mann trat als Bun­des­in­nen­mi­nis­ter 1950 aus Pro­test gegen die Wie­der­be­waff­nung zurück; Erhard Epp­ler 1974 als SPD-Ent­wick­lungs­hil­fe­mi­nis­ter, weil er den zusam­men­ge­stri­che­nen Ent­wick­lungs­hil­fe­haus­halt nicht ver­ant­wor­ten woll­te; Sabi­ne Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger 1995 als FDP-Jus­tiz­mi­nis­te­rin, weil sie den Lausch­an­griff ablehn­te.

Wenn das Wort von der Glaub­wür­dig­keit der Poli­tik nicht ganz ver­kom­men ist, dann liegt das an sol­chen Namen. Und es liegt auch an den weni­gen Poli­ti­kern, die zurück­ge­tre­ten sind, weil sie Ver­ant­wor­tung für Malai­sen über­nah­men, für die sie per­sön­lich nichts konn­ten: Rudolf Sei­ters (CDU) stell­te 1993 sein Amt als Innen­mi­nis­ter zur Ver­fü­gung – nach dem töd­li­chen Desas­ter bei der RAF-Fahn­dung am Bahn­hof von Bad Klei­nen. Die Prag­ma­ti­ker der Macht lächeln über so einen Rück­tritt, weil er, wie sie sagen, unnö­tig gewe­sen sei. Dafür aber gilt Sei­ters bei allen Par­tei­en als ein Mann von Anstand. Er war dann von 2003 bis 2017, höchst ehren­ge­ach­tet, Prä­si­dent des Deut­schen Roten Kreu­zes.

Wer ver­dient einen Ver­dienst­or­den?

Andre­as Scheu­er ist ein Minis­ter, der nicht mehr Minis­ter sein dürf­te. Er ist es und er bleibt es, weil den Ent­schei­dern sei­ne Ent­las­sung der­zeit nicht in den Kram passt. Irgend­wann, wenn Gras über die Maut gewach­sen ist, wird Scheu­er dann wohl den Baye­ri­schen Ver­dienst­or­den krie­gen.

Ich schrei­be das mit eini­ger Bit­ter­keit, weil die­ser Orden einem Mann, der ihn wirk­lich ver­dient hat, ver­wei­gert wird. Ver­dient hät­te ihn Hans Schu­ie­rer, der ehe­ma­li­ge Land­rat von Schwan­dorf, der am Sams­tag neun­zig Jah­re alt gewor­den ist. Er war der Held von Wackers­dorf, er ist ein Pio­nier des Aus­stiegs aus der Atom­kraft. Als im Dezem­ber 1985 mit dem Bau der ato­ma­ren Wie­der­auf­ar­bei­tungs­an­la­ge begon­nen wur­de, ließ sich der Land­rat Schu­ie­rer, ein gelern­ter Maue­rer, nicht ein­schüch­tern und nicht unter­krie­gen.

Hans Schu­ie­rer, der Wacke­re von Wackers­dorf

Die WAA Wackers­dorf war das poli­tisch umstrit­tens­te Bau­pro­jekt der 1980er Jah­re in der Bun­des­re­pu­blik, das Vor­zei­ge­pro­jekt der CSU (drei­ßig Jah­re spä­ter war dann die Auto­bahn­maut für Aus­län­der so ein Vor­zei­ge­pro­jekt). Die WAA war Sym­bol für die Atom­po­li­tik der Baye­ri­schen Staats­re­gie­rung. Wackers­dorf zu ver­hin­dern, war ein Erfolg der klei­nen Leu­te, die sich auf­lehn­ten, als die CSU ihre Hei­mat zur strah­len­den Hei­mat machen woll­te. Hans Schu­ie­rer, der Land­rat von der SPD, war die Speer­spit­ze der klei­nen Leu­te. Er war das Gesicht des Wider­stands, er war der Geg­ner des dama­li­gen CSU-Chefs und Minis­ter­prä­si­den­ten Franz Josef Strauß, der den Leu­ten weis­ma­chen woll­te, so eine ato­ma­re Wie­der­auf­ar­bei­tungs­an­la­ge sei „nicht gefähr­li­cher als eine Fahr­rad­spei­chen-Fabrik”.

Bis 1996, ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang, blieb Schu­ie­rer im Amt – er war ein Küm­me­rer, immer wie­der­ge­wählt mit fan­tas­ti­schen Wahl­er­geb­nis­sen. Der ober­pfäl­zi­sche Jour­na­list Wolf­gang Housch­ka, der als Repor­ter der Zei­tung „Der neue Tag” den Poli­ti­ker Schu­ie­rer jahr­zehn­te­lang beglei­te­te, hat in sei­nem Geburts­tags­ar­ti­kel beschrie­ben, war­um das so war; er erzählt von einem Som­mer­abend am Volks­fest­bier­tisch, lan­ge vor der WAA: „Es ging auf Mit­ter­nacht zu, als eine Frau an den Land­rat Schu­ie­rer her­an­trat und ihm ihre fata­le Situa­ti­on schil­der­te: Allein­er­zie­hend, drei Kin­der daheim, von der Sozi­al­hil­fe ver­trös­tet, wenig Ess­ba­res für das Wochen­en­de im Kühl­schrank. Da zog er das Porte­mon­naie, gab sei­ner Gesprächs­part­ne­rin einen Geld­schein und sag­te: ‚Am Mon­tag kom­men Sie in mein Büro. Dann schau­en wir wei­ter‘ ”. So einer war, so einer ist Hans Schu­ie­rer.

Sou­ve­rä­ne Lan­des­vä­ter­lich­keit?

So einer hat einen Ver­dienst­or­den ver­dient. Und es stün­de einem CSU-Minis­ter­prä­si­den­ten gut an, so einem Mann sei­nen Respekt zu zei­gen. Aber Mar­kus Söder war es, der schon vor zwei Jah­ren dem alten Land­rat den Respekt ver­wei­ger­te. Als damals Hans Schu­ie­rer bei der Ver­lei­hung des Baye­ri­schen Film­prei­ses an den Doku­men­tar­film „Wackers­dorf” zur Ehrung auf die Büh­ne trat, stan­den die Gäs­te auf und applau­dier­ten – nur der Gast­ge­ber, Minis­ter­prä­si­dent Mar­kus Söder, applau­dier­te nicht. Sou­ve­rä­ne Lan­des­vä­ter­lich­keit sieht anders aus. Einen Glück­wunsch zum neun­zigs­ten Geburts­tag an Hans Schu­ie­rer …

… und uns allen eine Woche, in der trotz Coro­na die Hoff­nung wie­der Atem bekommt.

Ihr Heri­bert Prantl,
Kolum­nist und Autor der Süd­deut­schen Zei­tung

Quel­le: sueddeutsche.de